Mendelssohns „Elias“ in der Marktkirche

Der Bachchor singt „Elias“ in der Marktkirche. Quelle: Meyer-Frerichs 

16:27  24.11.2018  HAZ

Unterstützt von den Bremer Philharmonikern widmet sich der Bachchor unter der Leitung von Jörg Straube in der Marktkirche dem „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Hannover

Geht es um die großen geistlichen Chorwerke des 19. Jahrhunderts, stehen meist dieselben wenigen Werke auf dem Programm: Mendelssohns „Paulus“ und „Elias“ sowie Brahms‘ „Requiem“ haben hier kaum ernsthafte Konkurrenz. Jörg Straube und der Bachchor widmeten sich in der Marktkirche, unterstützt von den Bremer Philharmonikern, dem „Elias“. Dieses Spätwerk von Felix Mendelssohn Bartholdy, falls man bei dem mit 38 Jahren gestorbenen Komponisten überhaupt von so etwas sprechen kann, ist sicher eines der wirkungsvollsten und ausgewogensten Werke seiner Gattung. Mendelssohn erschafft eine sehr ausgewogene Mischung aus missionarischem Furor und glaubensgewisser Innigkeit, die von überwältigender Wirkung ist.

Jörg Straube und sein Bachchor lieferten eine höchst überzeugende Fassung dieses emotionalen Wechselbades. Der Chor verfügt über ein sehr großes Dynamikspektrum, was gerade bei dieser romantischen Musik wichtig ist. Ganz hervorragend war auch die Sprachverständlichkeit. Straube leitete seine SängerInnen mit deutlicher Zeichengebung, aber gänzlich ohne exaltierte Übertreibungen. Die großen Steigerungen und Höhepunkte gestalteten die Choristinnen kraftvoll und mit der gebotenen Dramatik. Dabei behielten sie klanglich immer die Kontrolle.

Besonders berückend gelangen ihnen die verinnerlichten, von großer Glaubensgewissheit geprägten Abschnitte, wie etwa „Siehe, der Hüter Israels“ oder „Wer bis an das Ende beharrt“. Hier sang der Chor betörend schlicht und gerade deshalb zutiefst berührend.

Das Solistenquartett (Ania Vegry, Diana Moore, Simon Bode und Tobias Schabel) war hochkarätig besetzt und passte sich gut in Straubes Interpretationsansatz ein. Die Problematik im „Elias“ ist immer, ob man eher opernhafte Stimmen besetzt, die besonders in den dramatischen Passagen überzeugen, oder ob man eher barock-kammermusikalische Stimmen wählt, die besonders in den verinnerlichten, zurückgenommenen Passagen überzeugen. Straube entschied sich für den eher opernhaften Stimmtyp, wodurch die Sänger an einigen wenigen Stellen etwas zu deutlich im Vordergrund standen.

Dazu trug auch die – den räumlichen Verhältnissen in der Kirche geschuldete – zu kleine Streicherbesetzung bei. Gerade die hohen Streicher waren oft kaum zu hören, auch wenn sie besonders wichtig waren. Das war sehr schade, boten die Bremer Philharmoniker doch insgesamt ein sehr ausgewogenes Klangbild mit warmem Blechbläserklang. Es bleibt ein klangliches Problem, dass die Bläser keine erhöhte Sitzposition bekommen können, wie in einem Konzertsaal. Dies führt leider immer wieder dazu, dass sie klanglich beim Hörer etwas später ankommen als die Streicher. Allerdings konnten diese kleinen Ungenauigkeiten einer insgesamt großartigen Aufführung keinen Abbruch tun.

Von Michael Meyer-Frerichs

Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Nr. 257 vom 5.11.2018, S. 23

Die Kraft aus der Ruhe „Deutsches Requiem“ in der Marktkirche

Es müssen nicht Jahr für Jahr ausschließlich die Passionen Johann Sebastian Bachs sein, um musikalisch und inhaltlich auf Karfreitag und Ostern hinzuführen. Natürlich, da geht es unmittelbar um die Leidensgeschichte Christi. Johannes Brahms verfolgte mitseinem „Deutschen Requiem“ nicht das Ziel, ebenfalls diese Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen. Er schöpfte aus unterschiedlichen Stellen der Bibel und hat mit seinem zentralengeistlichen Werk eine Komposition geschaffen, die, neben anderen Themen, Tod und Erlösung ins Zentrum stellt. Und auch wenn es in den Texten nicht explizit um Christus geht, so sind die Bezüge zur Passionsgeschichtegegeben, und deswegen passt das „Deutsche Requiem“ auch gut in diese Zeit. Jörg Straube führte es mit dem Bachchor, dem Bachorchester sowie den Solisten Siri Karoline Thornhill, Sopran, und Henryk Böhm, Bariton, in der Marktkirche auf. Schwebend leicht gesungen Die Behandlung des Orchesters lässt einerseits sofort an Brahms’sinfonische oder konzertante Werke denken; andererseits verwebter Orchester und Singstimmen so eng, dass von einer Begleitfunktion der Instrumentalisten kaum mehr die Rede sein kann. Die farbige Orchestrierung kam durch wunderschönmusizierte Soli gut zur Geltung, und auch die dynamische Differenzierung erfordernden Passagengelangen überzeugend – etwa die spannungsreichen, intensiven Steigerungen in „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“. Ebenfalls zu ausgesprochen differenziertem Agieren führte Straube den Bachchor, der nicht nur als auftrumpfendes, massives Kollektiv zu beeindrucken wusste, sondern genauso in den schwebend leicht gesungenen Ecksätzen „Selig sind, die da Leid tragen“ und „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ die verinnerlichten Seiten des Stückes betonte. Siri Karoline Thornhill und Henryk Böhm erfüllten ihre Partien mit viel Klarheit und Textverständlichkeit. Es braucht keine große, opernhafte Geste, um diesem Werk gerecht zu werden, hier sollte wirklich, wie an diesem Abend gezeigt, die Kraft aus der Ruhe kommen. Applaus gab es am Ende nicht, das ist eine feste Tradition bei den Konzerten vor Ostern; im Anschluss an die stimmungsstarke, dichte Aufführung erklang die Friedensglocke. Und, so schön Applaus für die Mitwirkenden sicher ist, es gibt eben Werke, nach denen Stille und Konzentration einfach guttun.

Christian Schütte, 31.03.2018, Kritik HAZ